Normung ist Kampfsport
Bundesverband Metall sieht Handlungsbedarf
Wenn Dr.-Ing Torsten Bahke, Direktor des DIN, Vorträge hält, zitiert er auch schon mal den Spruch „Normung ist ein Kampfsport“. Nur wer sich in den internationalen Normungsverfahren am schnellsten durchsetze, sei wirtschaftlich im Vorteil. In den Normungsverfahren entscheide sich heute immer öfter, wo die Wertschöpfung noch Zukunft hat. Keine Frage, Deutschlands Normer sind in dieser Disziplin sehr erfolgreich. Die frühzeitige Übernahme deutscher Normen in den Bereichen Maschinenbau und Elektrotechnik habe, so Bahke, maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland schnell und barrierefrei mit China handeln konnte. Normung ist in Deutschland ein privatwirtschaftlich organisiertes Verfahren. Die Bundesregierung vertraut darauf, dass man die Normung am besten denen überlässt, die Normen anwenden und das Fachwissen haben, sie technologisch auf dem neusten Stand zu halten.
Das gemeinnützige DIN hat die Aufgabe, die Rahmenbedingungen bei der Normung so auszugestalten, dass sie fair sind. Dazu gehört auch, dass Handwerksbetriebe weder als Anwender noch als Kompetenzträger benachteiligt werden. Dieser Aspekt macht dem DIN-Direktor derzeit ganz besonders Sorge. Die EU-Kommission hat nämlich den Finger in diese Wunde gelegt. Brüssel findet das Normungswesen zu teuer und drängt darauf, dass auch Handwerksbetriebe einen einfacheren und billigeren Zugang zu Normen und zu den Normungsverfahren erhalten. Am liebsten würde Brüssel mit diesem Argument die Normung zentralisieren, mit Steuermitteln finanzieren und kostenfrei machen. Mit einer solchen Verstaatlichung sind Industrie und Politik nicht einverstanden. Sie wollen das privatwirtschaftlich organisierte und finanzierte Verfahren beibehalten. Im Bereich KMU und Handwerk sehen aber auch sie einen Handlungsbedarf.
Das meint auch Dipl.-Ing. Karsten Zimmer, der im Bundesverband Metall für den Bereich Normung zuständig ist. So wie es heute sei, kann es auch seiner Meinung nach nicht bleiben. So sehr Normen dem Standort Deutschland nützen mögen, aus der Sicht des Handwerks hat das heutige System dann erhebliche Defizite, wenn die Normung von Zertifizierern oder Hochschulinstituten dominiert wird.
Handwerksbetriebe befinden sich strukturell im Nachteil. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Für Metallbetriebe ist die Anwendung von Normen mit einem hohen Aufwand verbunden. Dies hat sowohl mit der großen Zahl an Normen zu tun, die ein Metallbauer oder ein Feinwerkmechaniker kennen und berücksichtigen muss, als auch mit der Geschwindigkeit, mit der neue Normen auf den Markt kommen. Was für den Direktor des DIN ein großer Fortschritt ist, die Tatsache nämlich, dass technische Innovationen heute sehr schnell in Normen Eingang finden, führt in den Betrieben zu unerhörtem Stress und hohen Kosten. Karsten Zimmer hat folgendes Beispiel: Das DIN-Taschenbuch Metallbauerhandwerk aus dem Jahr 2003, das 52 wichtige Metallnormen auf insgesamt 635 Seiten zusammenfasst, wird jetzt überarbeitet. Werden die zurückgezogenen Normen durch die – zumeist europäischen – Folgenormen ersetzt, hätte die neue Ausgabe nach Einschätzung des BVM- Experten 1.416 Seiten und müsste in zwei Bänden erscheinen. Damit hat sich der Seitenumfang dieses Taschenbuches in 7 Jahren mehr als verdoppelt.
Als Anwender tragen die Handwerksbetriebe und KMU schon allein zahlenmäßig überproportional zur Finanzierung der Normungsarbeit bei. Bei der Erarbeitung der Normen ist das Handwerk allerdings erschreckend unterrepräsentiert. Dabei würde sich, wegen des Konsensprinzips, die flächendeckende Präsenz des Handwerks in Normungsausschüssen durchaus lohnen. Gegen den Widerstand von KMU und Handwerk können keine DIN-Normen verabschiedet werden. Um das Normungswesen handwerksfreundlicher zu gestalten, wurde vor zwei Jahren eine Kommission eingesetzt, in der ZDH, DIN und Verbandsvertreter darüber beraten, wie man das Normungsverfahren so ausgestalten kann, dass kleine Unternehmen und Handwerk keine Wettbewerbsnachteile haben. Die Vorschläge kreisen um kostengünstige Zugänge zu Normen, um Ausnahmeregelungen für die kundenindividuellen Produkte, die im Handwerk und vor allem auch im Metallhandwerk oft vorkommen, bis zu einer Quotenregelung in Ausschüssen.
Ganz einfach ist die Arbeit an diesem Veränderungsprozess nicht. Jens-Uwe Hopf vom Zentralverband des Deutschen Handwerks fühlt sich manchmal allein gelassen in diesem Kampf um Fair Play. Dass ein Vertreter von ThyssenKrupp den Ausschluss leitet, findet er sehr bedauerlich und erklärt diesen Sachverhalt mit der schwachen Personaldecke, die das Handwerk für diese Aufgabe zur Verfügung stellt. Die Personalkosten, die die Industrie jährlich für die Entsendung von Experten in DIN Ausschüsse ausgebe, belaufen sich nach Auskunft des DIN-Direktors Bahke auf 700 Millionen Euro. Dagegen ist Jens-Uwe Hopf dankbar für tatkräftige Unterstützung durch die Fachverbände bei seiner wichtigen Arbeit.
Karsten Zimmer vom Bundesverband Metall sieht die Lage wie folgt: "Von der Kostenseite sind wir mit unserem Fachregelwerk und seinem Normenpaket (www.metallbaupraxis.de) als Metallverband gut aufgestellt. Das Fachregelwerk, das wir unseren Mitgliedern zur Verfügung stellen, ist eine unschlagbar preiswerte Lösung, die den Vorteil hat, dass die Normen in einen konkreten Anwendungskontext gestellt werden. Weder die DIN Flatrate noch die Suchmaschine unter www.handwerk.din.de, die für Handwerksbetriebe entwickelt wurde, können da mithalten. Wer zum Beispiel den Suchbegriff "Geländer" eingibt, bekommt dort 46 Normentitel ausgeworfen. Auf das Metallhandwerk eingegrenzt, verweist die Datenbank noch auf 9 Normen, aber nur zwei sind wirklich relevant. Tatsächlich braucht ein Metallbauer aber in der Praxis insgesamt 30 Normen, Richtlinien und Verordnungen, um in Deutschland ein Geländer zu bauen." Unzufrieden ist Karsten Zimmer mit der Präsenz, die das Handwerks in den Normungsausschüssen hat: "Das Allerwichtigste ist, dass das Handwerk ab sofort aus eigener Kraft Präsenz in allen wichtigen Normungsausschüssen in Deutschland und in Brüssel zeigt. Das darf gerne als Aufforderung an alle Unternehmer verstanden werden, sich aktiv zu beteiligen."
Foto links: Dipl.-Ing. Karsten Zimmer, Normungsexperte des BVM. Mitte: Dr.-Ing. Thorsten Bahke, Direktor des Deutschen Instituts für Industrienorm e.V.
Kontakt
Dipl.-Ing. Karsten Zimmer
Bundesverband Metall
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